Die Beendigung des Bürgerkriegs in Nord-Irland

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Ein Sezessionskonflikt mit konfessionellen Argumenten

Der Friedensschluss von 1998, das „Karfreitagsabkommen“, bildete einen hoffnungsvollen Einschnitt in den gewaltreichen Auseinandersetzungen des nordirischen Konfliktes. Die Teilung der Insel 1920 hatte die Vorherrschaft der nordirischen Protestanten im Nordosten gefestigt, die dortigen Katholiken zur benachteiligten Minderheit im eigenen Land gemacht und die Basis für jahrzehntelange Unruhen geschaffen. Mit der Bürgerrechtsbewegung Ende der 60er Jahre und dem Eingreifen der britischen Armee entbrannte der latente zu einem akuten Konflikt. Wahlrecht, Arbeitsplätze und konfessionelle Autonomie standen Katholiken ungleich zur Verfügung. Die staatliche Zugehörigkeit Nordirlands zum Britischen Königreich verhinderte eine politische Vertretung der Katholiken. Ihre Sicherheit vor Übergriffen protestantischer Milizen sollte von der britischen Armee gewährleistet werden. Damit veränderten sich die Fronten.

Die Entwicklung des Konflikts geht zurück bis zu König Heinrich VIII. und der Trennung der anglikanischen von der katholischen Kirche. Die Gründung der anglikanischen Kirche mit dem König als Oberhaupt ließ die Katholiken zu potenziellen Staatsfeinden werden, da sie den Herrscher Großbritanniens nicht als spirituelles Oberhaupt anerkannten.

Die zweite Konfliktschiene war die aus oder parallel zu Europa wachsende reformorientierte protestantische – also die heutigen Presbyterianer und Quäker, die sowohl zur katholischen als auch neu gegründeten anglikanischen Kirche im Widerstand standen. Sie wurden im Laufe der innerenglischen Auseinandersetzung gezielt im britisch regierten Irland angesiedelt und erhielten oft das Land katholischer Adelsfamilien. Diese als Stabilisierung eines unruhigen Gebietes gedachte Politik schuf die Grundlagen für die nach den Acts of Union von 1800 verschärft auftretenden Konflikte.

Erst 1829 erlangten Katholiken aktives und passives Wahlrecht. Und zwar auf die Kampagne des irischen Anwaltes Daniel O’Connell (1775 – 1847) hin, der mit konstitutionellen, d.h. legalen und gewaltfreien Methoden, eine fast 20 Jahre währende Massenbewegung initiierte und führte. Ziel waren die katholische Emanzipation und, nach dem Erfolg, die staatliche politische Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien.

Die Ernteausfälle wegen der Kartoffelfäule in den 1840er Jahren dezimierten die irische Bevölkerung durch Hunger, Krankheit und Auswanderung von 8 auf 5 Millionen .

Während der konstitutionellen Massenbewegung war Gewalt fast völlig aus der politischen Auseinandersetzung verschwunden. Als die umfassende Massenbewegung die politische Unabhängigkeit nicht erreichte und das Land massiv unter den Hungersnöten litt, beschloss Ende des 19. Jahrhunderts das britische Parlament, Irland in die Unabhängigkeit zu entlassen, setzte das jedoch nicht um. Wiederholte Forderungen, etliche Gewalttaten und der Osteraufstand 1916 blieben erfolglos. Die aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrenden britischen Soldaten wurden zu einer gewalttätigen „Befriedung“ eingesetzt, um die immer stärker geforderte irische Unabhängigkeit zu verhindern.

Nach den allgemeinen Wahlen 1919 versammelte sich die Mehrheit der irischen Abgeordneten in Dublin statt in Westminster und verlangte die Unabhängigkeit. Nordirische Protestanten, die sich seit 1906 stark bewaffnet hatten, drohten bei Gewährung der irischen Unabhängigkeit zu den Waffen zu greifen. Eine britische Kommission teilte die Provinz Ulster im Norden Irlands und die lokalen Wahlkreise so auf, dass protestantische Kandidaten garantiert mit einer 2/3-Mehrheit gewählt werden konnten. Kurz darauf begann der Unabhängigkeitskrieg und später ein einjähriger Bürgerkrieg. Dann war es ruhiger.

Ende der 1960er Jahre kam es in Nordirland erneut zu andauernden Unruhen, die dazu führten, dass die britische Armee nach Nordirland entsandt wurde. 1972 wurden schließlich das von protestantischen Unionisten dominierte Parlament und die Regionalregierung Nordirlands suspendiert und Nordirland direkt unter die Kontrolle der Londoner Regierung gestellt. Am 8. März 1973 stimmte im Referendum über die staatliche Zugehörigkeit Nordirlands eine Mehrheit für den Verbleib im Vereinigten Königreich. Allerdings hatte die große Mehrheit der Katholiken die Abstimmung boykottiert.

Die Bewegung der Peace People wurde 1976 nach der Beerdigung dreier von einem Auto getöteten Kinder von Mairead Corrigan, Betty Williams und dem Journalisten Ciaran McKeown gegründet. Das Auto fuhr ein Mitglied der Irisch Republikanischen Armee (IRA), den die Armee unmittelbar davor erschossen hatte.

Die Akteure der Friedensbewegung

Sie kamen aus katholischen, protestantischen und konfessionell gemischten Gemeinden, der Friedensbewegung, Parteien und NROen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene waren darunter. Lokal waren mehrheitlich Frauen aus allen Schichten und konfessionellen Richtungen beteiligt. Hinzu kamen interessierte Ausländer, hauptsächlich aus den USA, die die gewaltfreie Bewegung unterstützen wollten und methodisch viel beitrugen.

Die Führung der Friedensbewegung übernahmen hauptsächlich Katholiken, ein Journalist sowie die zwei Friedensnobelpreisträgerinnen..

Die Elemente der Arbeit

Inhalte waren die Aufklärung über die britisch-irische Geschichte und die Entstehung des Konflikts. Die Arbeitsweise umfasste Dialogforen und -offensiven unterschiedlicher Formate mit den radikaleren Vertretern der nordirischen Politik, gewaltfreie Aktionen für Frieden sowie gegen Streiks und Gewalttaten der britischen Armee, Polizei: Royal Ulster Constabulary (RUC) und der illegalen (para-)militärischen Gruppen wie UDA, UVF, IRA und Provisional IRA.

Die Zielrichtung der Friedensarbeit

Es gab Aktivitäten auf der mikro-, meso- und makropolitischen Ebene mit unterschiedlichen Zielrichtungen:

+ Mikroebene: Lokale Friedensgruppen nahmen Kontakt mit anderskonfessionellen Gruppen auf („have a cup of tea together“), machten Friedensarbeit und Ausflüge mit Kindern und Jugendlichen, z.B. Schwimmunterricht und/oder Gründung einer Jugendfarm für gemischtkonfessionelle Arbeit.

+ Mesoebene: Man bildete konfessions- und parteiübergreifende Gruppen zu „Frieden schaffen in Nordirland“, in Schulen mit Lehrern

+ Makroebene: Man versuchte internationale Förderer für die Friedensarbeit zu gewinnen, veranstaltete überkonfessionelle Friedenscamps für Jugendliche und legte die Rolle der irisch-stämmigen Amerikaner fest: keine finanzielle Unterstützung für den Kampf, Aufklärung über die Verwendung des Geldes, so dass Zahlungen an paramilitärische Organisationen beendet wurden.

Die Arbeit in den drei Interventionsdimensionen

+ Akut: Konfrontation und versuchte Einschränkung paramilitärischer Aktionen, massenhafte Friedensdemonstrationen

+ Kurativ: Arbeit mit Opfern, Aufklärung über die historischen Hintergründe, Verständnis fördern für die kontroversen Ansichten, indem die Entstehung der britischen Vorherrschaft und Teilung der Insel aufgearbeitet wurde

+ Präventiv: Ausbildung in gewaltfreien Methoden der Interessenvertretung in Parteien, mit Kindern und Jugendlichen, Friedensgruppen und bei den Paramilitärs;
Entwicklung tragfähiger konsensualer Wege der Entscheidungsfindung.

Eins vieler Beispiele internationaler (in diesem Fall norwegischer) Förderung:

Es fand eine dreiwöchige Klausur auf einer Insel mit Repräsentanten aus der Friedensbewegung, den Parteien, der Gemeinwesenarbeit, den Medien, der Wissenschaft und den Paramilitärs statt. Dabei wurde über die Entwicklung zukunftsfähiger Modelle der nordirischen Gesellschaft, über die föderale Gliederung der britischen Inseln debattiert sowie die unterschiedlichen wie ähnlichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen geklärt.

 

Die politische Wende und das Ende des Konflikts

Mehrere Elemente der unterschiedlichen Friedensbemühungen bewirkten eine wachsende Bereitschaft zum Verhandeln:

+ Viele Nord-Iren sahen ihre Interessen nicht von den gewaltbereiten militanten Organisationen vertreten, favorisierten eher, wenn überhaupt, Waffenbesitz für den befürchteten Notfall, wie das Abbrennen ganzer von Katholiken bewohnter Häuserzeilen zu Beginn der Unruhen.

+ Weite Teile der Bevölkerung waren die andauernde Angst vor gezielten und fehlgegangenen Gewalttaten leid, sahen sich von diesen Gruppen nicht repräsentiert.

+ Die Bilder der Bomben legenden und mordenden nordirischen Paramilitärs schufen in Amerika und weltweit ein sehr negatives Bild der nordirischen Bevölkerung.

+ Die Peace People und viele Andere in der Friedensbewegung wiesen auf die vielfältigen gewaltfreien Möglichkeiten und Erfahrungen hin, die erprobt waren, oft Erfolg hatten und parallel zu Gewalt umfassend eingesetzt wurden.

+ Die protestantische Seite erlebte in der EU, dass die Interessen Nord-Irlands häufig eher von Dublin als von Westminster vertreten wurden.

+ Die Paramilitärs beider Seiten hatten in den Jahrzehnten der Unruhen zahlreiche Informationen und Weiterbildungen zu effektiven Wegen politischer Interessenvertretung erhalten und genutzt.

+ Die irisch-republikanischen Politiker in Nord- und Süd-Irland sahen erheblich vorteilhaftere Instrumente und Wege, ihre Ziele im regulären politischen Geschehen umzusetzen, die Gewalttaten bewirkten zu oft ein Ausgrenzen der verantwortlichen Organisation aus dem politischen Dialog.

+ Die Sinn Fein Partei in der Republik Irland propagierte die Wirksamkeit eines politischen Weges und fokussierte politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung für die Katholiken des Nordens.

Angela Mickley und Frieder Schöbel

 

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Über Frieder Schöbel

Geb. 1936 in Herrnhut/OL. Seit 1938 in Braunschweig (außer 1943-1950). Abitur 1956, Studium Englisch und Latein in Göttingen, Westberlin, Tübingen und Göttingen bis 1963, Ostermarsch-Sekretär. Ab 1964 Braunschweig Ausbildung Höheres Lehramt. Mitbegründer a.i. Braunschweig, der 1. IGS in der Stadt, des Friedenszentrums e.V. und des forums crisis prevention e.v. Lebt seit 2015 in Berlin.