Rumänien – Ungarn

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In Rumänien stellen die Ungarn mit 7,1% der Bevölkerung die größte nationale Minderheit. Ihr Anteil ist besonders hoch in der Region Transsylvanien – auch Siebenbürgen genannt. Über die Jahrhunderte kam es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Dazwischen gab es aber auch Zeiten friedlichen Zusammenlebens.

Siebenbürgen ist eine Region, in der seit Jahrhunderten verschiedene Ethnien zusammenleben: Neben Rumänen und Ungarn auch Deutsche (Siebenbürger Sachsen und Juden). Bis zum 17. Jahrhundert war Transsylvanien Teil des ungarischen Staates, dann eine autonome Provinz im österreichisch-ungarischen Kaiserreich. 1920 musste Ungarn im Friedensvertrag von Trianon Siebenbürgen an Rumänien abtreten. Seitdem vertreten sowohl Rumänen als auch Ungarn den Standpunkt, dass diese Region ursprünglich von ihnen besiedelt worden sei und das Land daher ihnen zustehe.

Während es nach dem 2. Weltkrieg zunächst eine sehr tolerante Minoritätenpolitik gab, verschärfte sich die Situation in den fünfziger Jahren, als den Minderheiten mehr und mehr Rechte genommen wurden. Nach dem Ende der kommunistischen Ära 1989 heizten auf rumänischer Seite Gruppen wie Vatra Romanescu, auf ungarischer Seite der erste Ministerpräsident, József Antall (1932-1993), die Konflikte an, der direkt Einfluss auf die ungarische Minderheit in Rumänien nahm.

Streitpunkte

  • Die ungarische Minderheit sah ihre kulturelle Identität unterdrückt und beklagte, ihre Minderheitenrechte würden nicht geachtet. Sie forderten Autonomie in der Verwaltung der mehrheitlich ungarisch besiedelten Gebiete sowie kulturelle Selbstständigkeit insbesondere im Bildungswesen.
  • Die Rumänen warfen den Ungarn vor, Transsylvanien abspalten und mit Ungarn vereinen zu wollen. Sie betonten die Einheit des Landes und erwarteten ein deutliches Signal von den Ungarn, auf eine Abspaltung dieser Gebiete zu verzichten.

Anfang bis Mitte der 90er Jahre war die Stimmung in der Region von einem primitiven Nationalismus bestimmt (Kostecki, S. 22). Die ethnischen Spannungen zwischen Rumänen und Ungarn erreichten ihren Höhepunkt im April 1990 in Tirgu Mures: Die nationalistische rumänische Vereinigung Vatra Romanescu überfiel das Büro der Partei der ungarischen Minderheit UDMR (engl. Abkürzung DAHR = Democratic Alliance of Hungarians in Romania). Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Todesfolgen.

Nach dem vorzeitigen Tod von József Antall wurden ab Mitte der 1990er Jahre friedliche Wege gefunden, die den Konflikt deutlich entschärften und zu einer relativ stabilen Situation führten. Dies geschah durch regelmäßige Kommunikation zwischen Vertretern der ethnischen Bevölkerungsgruppen und ab 1996 durch die Aufnahme der UDMR in die nationale Regierung in Bukarest.

Was sind die Gründe dafür, dass es nach der extremen Gewalt 1990 und der recht angespannten Lage bis Mitte der 1990er Jahre dann doch eine relativ stabile Lösung gefunden werden konnte? Welches sind die „lessons learned“?

  • Ein wesentlicher Faktor war das Interesse Rumäniens, sich in westliche Bündnisse, d.h. die Institutionen des Europarats, der EU (Mitglied seit 2007) und der NATO (seit 2004) zu integrieren. Insbesondere der Europarat fordert Menschenrechts-Standards, die einen angemessenen Umgang mit Minderheiten umfassen.
  • 1993 wurde Rumänien vollständiges Mitglied des Europarats, obwohl noch nicht alle Bedingungen erfüllt waren. In diesem Zusammenhang wurde ein Kontrollmechanismus eingerichtet, um die Fortschritte in der Umsetzung der Konvention überprüfen zu können. 1995 wurde die Konvention zum Schutz nationaler Minderheiten von der rumänischen Regierung unterzeichnet.
  • Ab Mitte der 90er Jahre setzten sich gemäßigtere politische Kräfte durch. Bei den Parlamentswahlen 1996 gewannen die liberalen Oppositionsparteien. Sie ermöglichten, dass die ungarische Minderheit mit ihrer Partei UDMR in die Regierung eintreten konnte. Die UDMR besetzte dabei wichtige Positionen in den Institutionen für die Umsetzung von Minderheitenrechten. 1997 wurde eine Abteilung zum Schutz nationaler Minderheiten eingerichtet, deren Leitung ständiges Kabinettsmitglied wurde. Eine weitere Maßnahme war 1998 die Einrichtung eines interministeriellen Komitees für nationale Minderheiten. Gesetze wurden im Hinblick auf die Stärkung von Minderheitenrechten erneuert u.a. indem lokale Selbstverwaltung möglich wurde. Die Sprache der ungarischen Minderheit wurde in Siebenbürgen als Amtssprache zugelassen, ebenso zweisprachige Schilder in gemischtethnischen Gemeinden eingeführt. Das Bildungswesen der Minderheit wurde gestärkt, u.a. durch zweisprachige Schulen und die Einrichtung einer ungarischen Abteilung an der Universität Klausenburg (Cluj).
  • Ab 1996 begann ein Prozess der Dezentralisierung der Verwaltung, der mehr regionale Autonomie ermöglichte.
  • Das Verhältnis zwischen den Staaten Ungarn und Rumänien – auch bedingt durch das gemeinsame Ziel, Mitglied der EU zu werden – stabilisierte sich mehr und mehr, indem Ungarn nicht mehr provokativ versuchte, auf die Minderheitenpolitik in Rumänien Einfluss zu nehmen.
  • In den 90er Jahren entwickelte sich mehr und mehr eine Zivilgesellschaft, die an einem Ausgleich zwischen den Ethnien interessiert war. Sie wurde unterstützt auch durch externe Konfliktvermittler, die eine friedliche Konfliktregelung forcierten.
  • Eine Rolle spielt ferner die gemeinsame Identität der Siebenbürger, die ethnische Spannungen in den Hintergrund rückten. Nicht unerheblich mag auch das Detail sein, dass es ein ungarischer Pastor war, der im Juli und Dezember des Jahres 1989 Demonstrationen gegen das Ceaucescu-Regime initiierte, was der Anfang vom Ende des allen verhassten Regimes war.
  • Die UDMR war und ist zum einen der alleinige Vertreter der ungarischen Minderheit mit einem hohen politischer Organisationsgrad. Zum anderen waren die pragmatischen und auf Ausgleich bedachten Vertreterinnen und Vertreter in der Mehrheit.

Auch wenn der Konflikt positiv gewendet werden konnte, ist grundsätzlich die Gefahr nie gebannt, dass Vertreter und Vertreterinnen beider Ethnien die nationale Karte spielen könnten. Es ist daher wichtig, dass ethnische Spannungen frühzeitig erkannt werden und an einer Lösung gearbeitet wird.

Weiterführende Literatur:

Haumersen, Petra/Rademacher, Helmolt/Ropers, Norbert (2002), Konfliktbearbeitung in der Zivilgesellschaft. Die Workshop-Methode im rumänisch-ungarischen Konflikt – (Konflikttransformation 1, Berghof Forschungszentrum, Berlin), Münster
Kostecki, Wojciech (2002), Prevention of Ethnis Conflict – Lessons from Romania, Berghof Occasional Paper No. 19, Berlin

Helmolt Rademacher

English

Romania – Hungary

In Romania, Hungarians represent 7.1% of the population, the largest ethnic minority. Their presence is particularly great in the region of Transylvania – also called Siebenbuergen. Over the centuries frequent violent clashes flared up. Yet in between, there were also periods of peaceful coexistence.

Transylvania is a region where different ethnic groups have been living together for centuries: Apart from Romanians and Hungarians also Germans, i.e. Transylvanian Saxons and Jews. Until the 17th century Transylvania was part of the Hungarian state. After that it became an autonomous province in the Austro-Hungarian Empire. In 1920 Hungary had to cede Transylvania to Romania in the Treaty of Trianon. Since then both Romanians and Hungarians hold the view that that region had originally been colonized by them and the country therefore belonged to them.

While after the 2nd World War initially a very tolerant minority policy was pursued, the situation worsened in the fifties, when more and more rights were taken from the minorities. After the end of the communist era in 1989, conflicts were fuelled on the Romanian side by groups such as Vatra Romanescu, and on the Hungarian side, by the first Prime Minister József Antall (1932-1993) in which the latter exerted direct influence on the Hungarian minority in Romania.

 The bones of contention

  • The Hungarian minority saw their cultural identity suppressed and complained that their minority rights were not respected. They demanded autonomy in the administration of areas inhabited by a majority of Hungarians as well as cultural autonomy in education particularly.
  • The Romanians accused the Hungarians of the secession of Transylvania and of intending to unite with Hungary. They emphasized the unity of the country and expected a clear signal from the Hungarians to renounce the secession of those territories.

In the early to mid-90s, the mood in the region was determined by primitive nationalism (Kostecki, p 22). Ethnic tensions between Romanians and Hungarians reached their peak in April 1990 in the town of Tirgu Mures when the nationalist Romanian Association Vatra Romanescu raided the office of the Hungarian minority party UDMR (English abbreviation DAHR = Democratic Alliance of Hungarians in Romania). There were violent clashes with fatal casualties.

After the premature death of József Antall peaceful ways were found from the mid-1990s , which defused the conflict significantly and led to a relatively stable situation. This was achieved by regular communication between the representatives of ethnic groups and from 1996 onwards by the inclusion of the UDMR into the national government in Bucharest.

What are the favourable contributing factors

that, after the extreme violence of 1990 and the quite tense situation until the mid-1990s, led to a relatively stable solution being found? Which are the „lessons learned“?

  • An essential factor was Romania’s interest in integrating with Western alliances, i.e. the EU (membership since 2007) and NATO (since 2004). In particular, the Council of Europe demands human rights standards including appropriate treatment of minorities.
  • In 1993 Romania became a full member of the Council of Europe, although not all requirements had been fulfilled. In this context, a control mechanism was established to verify progress in the implementation of the Convention. In 1995 the Government of Romania signed the Convention for the Protection of National Minorities.
  • From the mid-90s onwards, more moderate political forces prevailed. The parliamentary elections in 1996 were won by the liberal opposition parties. They allowed that the Hungarian minority party UDMR could enter government. Thereby the UDMR occupied important positions in institutions for the implementation of minority rights. In 1997 the Department for National Minorities was established, whose director became a permanent Cabinet Member. Another measure of 1998 was the establishment of an Interministerial Committee for Ethnic Minorities. Laws were revised with regard to the strengthening of minority rights, inter alia, by allowing local self-government. The language of the Hungarian minority was declared as the official language in Transylvania (Siebenbuergen) as well as allowing bilingual signs in mixed ethnic communities. Education of minority groups was improved, inter alia, by bilingual schools and the establishment of a Hungarian department at the University of Cluj.
  • As of 1996, a process of administrative decentralization was started, which allowed more regional autonomy.
  • The relationship between the states of Hungary and Romania – also fuelled by the common goal of EU membership – became progressively more stable because Hungary no longer tried to provoke its influence over policy on minorities in Romania.
  • In the 90s, there was a progressive and steady move towards a civil society which was interested in maintaining a balance between ethnic groups. It was also supported by external conflict mediators who empowered peaceful conflict resolution.
  • Also the common identity of the Transylvanians played a role which pushed ethnic tensions into the background. The importance of the involvement of a Hungarian pastor, who initiated demonstrations against the Ceauşescu regime in July and December of 1989, which marked the beginning of the end of that much despised regime, cannot be dismissed.
  • The UDMR, on the one hand, was and still is the sole representative of the Hungarian minority with a high degree of political organization. On the other, pragmatic representatives and those sensitive to balance were in the majority.

Even though the conflict could be solved positively, basically the risk that representatives of both ethnic groups could still play the national card, can never be averted totally. It is therefore important that ethnic tensions are detected early and that people work towards a solution.

For further reading see German version.

Helmolt Rademacher        

Français

Roumanie – Hongrie

Les Hongrois sont la plus importante minorité en Roumanie, représentant 7,1 % de la population. Ils sont particulièrement nombreux dans la région de la Transylvanie. A travers les siècles, des affrontements violents y ont alternés avec des temps de cohabitation paisible.
La région de la Transylvanie est peuplée de différentes ethnies depuis des siècles : des Allemands (Saxes de Siebenbürgen) et des Juifs y vivent aux côtés de Roumains et Hongrois . Jusqu’au 17ème siècle la Transylvanie était une partie de l’Etat hongrois, pour devenir ensuite province autonome de l’empire austro-hongrois. En 1920, l’Hongrie à dû céder la Transylvanie à la Roumanie dans le cadre du traité de paix de Trianon. Depuis, la Roumanie et l’Hongrie réclament au même titre, que la région à été initialement colonisée par eux et que le territoire leur reviendrait naturellement.
Alors qu’une politique de droits des minorités à été mis en place après la deuxième guerre mondiale, la situation s’est dégradée dans les années cinquante. De plus en plus de droits ont été enlevé aux peuples minoritaires.

Points litigieux

  • La minorité hongroise se plaignait de l’oppression de son identité culturelle et du non-respect de ses droits de minorités. Elle réclamait l’autonomie pour l’administration des territoires colonisés majoritairement par des Hongrois, ainsi que l’indépendance culturelle, notamment dans le domaine de l’éducation.
    Les Roumains reprochaient aux Hongrois de poursuivre la séparation de la Transylvanie pour la réunir avec l’Hongrie. Ils prônaient l’unité du pays et réclamaient un signal fort de la part des Hongrois de renoncer à la séparation de ces territoires.
  • Pendant la première moitié des années 90, une atmosphère d’un nationalisme primitif prédominait dans la région (Kostecki, page 22). Les tensions ethniques entre Roumains et Hongrois arrivaient à leur paroxysme en avril 1990 à Tirgu Mures : l’association nationaliste roumaine Vatra Romaneska attaquait le bureau du parti de la minorité hongroise UDMR (abréviation anglaise DAHR = Democratic Alliance of Hungarians in Romania), résultant dans des affrontements violents faisant des morts.
    Après la mort prématurée de József Antall, des solutions pacifiques ont été trouvées à partir de la deuxième moitié des années 1990. Elles ont réussi à désamorcer considérablement le conflit et menaient à une situation relativement stable.

Quelles sont les explications

pour qu’une solution stable a pu voir le jour, malgré l’extrême violence en 1990 et une situation tendue pendant la première partie de la décennie ? Quelles sont les leçons à en tirer?

  • Un facteur essentiel était l’objectif des Roumains de se s’intégrer dans des alliances occidentales, à savoir le Conseil Européen, l’UE (membre depuis 2007) et l’OTAN (depuis 2004). Notamment le Conseil Européen réclamait des standards de Droits de l’Homme comportant un traitement approprié des minorités. En 1993 la Roumanie est devenue membre à part entière du Conseil Européen, bien que les conditions d’adhésion n’ont pas été toutes remplies. Dans ce contexte un mécanisme de contrôle a été mis en place pour pouvoir vérifier les avancées de la mise en œuvre de la Convention. C’est en 1995 que le gouvernement Roumain a signé la Convention-cadre pour la protection des minorités nationales.
  • Des forces politiques modérées se sont imposées depuis le milieu des années 1990. Lors des élections législatives en 1996, les partis libéraux de l’opposition ont gagné. Ce sont eux qui ont permis aux minorités hongroises de participer au gouvernement avec leur parti UDMR. L’UDMR y investissait des postions stratégiques pour implémenter des droits de minorités. En 1997, un département pour la protection des minorités nationales a ainsi vu le jour, dont la direction était membre permanent du cabinet. Une autre mesure en ce sens était la mise en place d’un comité interministériel pour minorités nationales. Des lois ont été renouvelées avec l’objectif de renforcer les droits des minorités, entre autre en rendant possible l’autogestion au niveau local. La langue de la minorité hongroise a été admise comme langue officielle en Transylvanie et une signalisation bilingue a été introduite dans des communes multiethnique. Enfin, l’éducation des minorités a été renforcée, entre autre grâce à des écoles bilingues et la mise en place d’un département hongrois à l’université de Cluj (Klausenberg).
  • À partir de 1996 démarrait un processus de décentralisation de l’administration, permettant plus d’autonomie régionale.
  • La relation entre l’Etat hongrois et l’Etat roumain se stabilisait progressivement, dans la mesure où l’Hongrie n’essayait plus d’avoir une influence provocatrice sur la politique des droits des minorités en Roumanie.
    Une société civile se développait progressivement dans les années 1990 dont l’intérêt était la conciliation entre les groupes ethniques.
  • L’identité commune des Transylvaniens joue aussi un rôle non-négligeable, mettant les tensions ethniques en arrière-plan. Que c’était un pasteur hongrois qui était à l’initiative des manifestations de juillet et décembre 1989, marquant la fin du régime de Ceaucescu détesté de tous, n’est certainement pas un détail anodin.
  • L’UDMR a toujours été l’unique représentant des minorités hongroises avec un niveau d’organisation politique important, et les représentants pragmatiques et soucieux d’une conciliation formaient la majorité.Même si le conflit a pu être désamorcé, le danger persiste sur le fond, que les représentants des deux ethnies jouent la carte nationale. C’est pourquoi il est capital d’identifier à temps toute tension ethnique pour y trouver une solution.

Littérature supplémentaire voir version allmande.

Helmolt Rademacher  

 

 

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Über Frieder Schöbel

Geb. 1936 in Herrnhut/OL. Seit 1938 in Braunschweig (außer 1943-1950). Abitur 1956, Studium Englisch und Latein in Göttingen, Westberlin, Tübingen und Göttingen bis 1963, Ostermarsch-Sekretär. Ab 1964 Braunschweig Ausbildung Höheres Lehramt. Mitbegründer a.i. Braunschweig, der 1. IGS in der Stadt, des Friedenszentrums e.V. und des forums crisis prevention e.v. Lebt seit 2015 in Berlin.