Indonesien 2004: Der Friedensprozess in der Provinz Aceh

Die indonesische Provinz Aceh liegt im Nordwesten der Insel Sumatra und beherbergt große Erdöl- und Gasvorkommen. Unter dem Kolonialeinfluss der Briten und Nieder­länder bewahrt sich das Sultanat Aceh lange Zeit seine Eigenständigkeit. 1874 nehmen niederländische Truppen die Residenz des Sultans ein und beginnen die politische Umstrukturierung der Provinz. Die Widerstände gegen die Kolonial­herrschaft halten in den folgenden Jahrzehnten an und die Region kann nicht befriedet werden. Während des Zweiten Weltkriegs besetzt die japanische Armee von 1942 bis 1945 die Insel Sumatra. Mit der Unabhängigkeit Indonesiens 1949 hofft Aceh auf regionale Unab­hängigkeit, jedoch besetzen nun indonesischen Truppen die Provinz. Aceh wird Teil der Provinz Nordsumatra. 1953 kommt es zu Revolten und Aceh schließt sich der Darul Islam Rebellion an, die sich vor allem in Westjava und Südsulawesi ausbreitet.

Ziel der Rebellion ist eine Autonomie, nicht die Separation. Mit dem Ende der Darul Rebellion 1962 erhält Aceh das Versprechen auf mehr administrative Autonomie. Die zugesagten Veränderungen bleiben jedoch aus und das indonesische Regime der Neuen Ordnung unter Präsident Suharto von 1966 fährt mit der ökonomischen Ausbeu­tung Acehs und der Zentralisierung fort. Am 4. Dezember 1976 erklärt Hasan di Tiro, ein führender Darul Islam-Aktivist, die Unabhängigkeit Acehs von Indonesien und legt damit den Grundstein für den bis 2005 andauernden separatistischen Konflikt mit Indonesien.

Das Streben nach Autonomie wird jedoch kaum ideologisch begründet. Die Befreiungs­bewegung Gerakan Acheh Merdeka (GAM) ist darauf aus, wirtschaftliche Strukturen zu etablieren, der Korruption entgegenzuwirken und das kommunale Leben zu stärken. Ihre führenden Mitglieder sind gut gebildet, kommen aus der Mittel- und Oberschicht, führen kleine Geschäfte und sind vorwiegend Händler. Die Hierarchien bzw. Organisations­strukturen sind flach und demokratisch orientiert. Der leicht bewaffnete Teil der Akteure ist verglichen mit den unbewaffneten sehr gering, wodurch die GAM international nicht als terroristische Organisation eingestuft wird. Die Repression der indonesischen Regierung zerschlägt die GAM. Ende 1979 sind die führenden Persönlichkeiten ermor­det, befinden sich im Gefängnis oder sind ins Exil gegangen. Ab 1985 bilden militärisch orientierte Kräfte der GAM in Libyen Rekruten an der Waffe aus.

1989 beginnt mit 1000 bis 2000 Bewaffneten der Guerillakampf in Aceh. Die Guerilla­gruppen können sich jedoch nicht nennenswert vergrößern. Ende 1998 zieht der neue Präsident Habibie die indonesischen Truppen ab. Der militärische Arm der GAM ist nahezu vollständig zerstört, kann sich jedoch in kurzer Zeit durch die massive Unter­stützung der Bevölkerung erholen. 1999 beginnt der gewaltsame Kampf erneut, sodass in der Periode von 2000 bis 2004 zeitweise bis zu 50.000 indonesische Soldaten in Aceh stationiert sind. Neben den militärischen Aktionen beginnt der im schwedischen Exil lebende di Tiro Ende der 1990er Jahre mit Unterstützung der schwedischen Regierung Friedensgespräche mit Indonesien. Im Dezember 2002 wird das COHA Abkommen (Cessation of Hostilities Agreement) unterzeichnet, das jedoch nur wenige Monate hält. Zwischen 2002 und 2004 verliert die GAM durch indonesische Offensiven die Hälfte ihrer Mitglieder.

Die Zerstörung durch den Tsunami am 24. Dezember 2004 verändert die Situation grundlegend. Wenige Tage nach der Katastrophe erklärt die GAM einen einseitigen Waffenstillstand. Indonesien folgt und öffnet die seit Mai 2003 geschlossenen Grenzen zu Aceh, um internationalen Medien und Hilfsorganisationen den Zugang zu ermög­lichen. Der Tsunami rückt nicht nur die Naturkatastrophe, sondern auch die Zerstörung durch den Konflikt ins Interesse der Weltmedien. Beide Konfliktparteien nehmen die kurz vor dem Tsunami ausgesprochene Einladung der schwedischen Nichtregierungs­organisation Crisis Management Initiative (CMI) zu Friedensgesprächen an. Nach fünf Gesprächsrunden, unter der Vermittlung des ehemaligen finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari, unterzeichnen die indonesische Regierung und die GAM am 15. August 2005 ein Memorandum of Understanding. Der Friedensschluss ist Ausdruck der einsetzenden demokratischen Entwicklung Indonesiens auf kommunaler Ebene.

In dem Friedensbeschluss wird eine teilweise politische Autonomie geregelt. Für Indone­sien bedeutet das Zugeständnis lokaler Autonomie einen Wandel des stark zentra­listischen Verwaltungssystems. So ermöglicht das Abkommen z.B. die Gründung lokaler Parteien und die Kandidatur für politische Ämter in Aceh. Ende 2006 gewinnt Irwandi Yusuf die Wahlen in Aceh, dessen politische Basis auf ehemaligen GAM-Unterstützern beruht. Die im Zuge des Memorandums von der EU geleitete Aceh Monitoring Mission hat die erfolgreiche Entwaffnung der GAM überwacht.

Im Februar 2007 beschließt die politische Vertretung in Aceh, eine Wahrheitskommission zur Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen durch die GAM und das indonesische Militär einzurichten. Hierbei sind nicht nur Kompensationen für betroffene Familien von Bedeutung, sondern die gegenseitige Anerkennung und gesellschaftliche Aufarbeitung der Kriegsjahre stehen im Vordergrund. Mit der Unterstützung von Kanada und Norwe­gen werden in Acehs Hauptstadt im Rahmen des indonesischen Aktionsplans für Menschenrechte mehrere Workshops zur Arbeitsweise des Internationalen Gerichtshofs und zum allgemeinen Verständnis von Menschenrechten abgehalten.

2008 vervollständigt sich die Transformation der GAM in einen politischen Akteur mit der Gründung der politischen Partei Partai Aceh. Bei den Wahlen 2009 gewinnt die Partai Aceh 33 von 69 Sitzen im regionalen Parlament.

Weiterführende Literatur

 Saskia Thorbecke


Indonesia 2004
The Peace Process in Aceh Province

The Indonesian province of Aceh lies northwest of the island of Sumatra and has large underground oil and gas reserves. Under the colonial influence of the British and the Dutch the Sultanate of Aceh preserved its autonomy for a long time.

In 1874, however, Dutch troops captured the Sultan’s residence and thus began the political restructuring of the province. Resistance to colonial rule continued in the following decades. The region could not be pacified. During World War II the Japanese army occupied the island of Sumatra from 1942 to 1945. With Indonesia’s independence in 1949, Aceh hoped for regional autonomy. Yet instead, Indonesian troops occupied the province. Aceh became part of the province of North Sumatra. In 1953 revolts ensued, and Aceh joined the Darul Islam rebellion that spread mainly through West Java and South Sulawesi.

The aim of the rebellion was to gain autonomy, not separation. When the Darul rebellion ended in 1962, Aceh was promised more administrative autonomy. However, the promised changes never eventuated. The New Order of the Indonesian regime under President Suharto in 1966 continued the exploitation of Aceh and intensified centralization. On December 4, 1976, Hasan di Tiro, a leading Darul Islam activist, declared Aceh’s independence from Indonesia. It laid the foundation for the conflict over separation from Indonesia, which lasted until 2005.

The quest for autonomy, however, was hardly one based in mere ideologies. The liberation movement of Gerakan Acheh Merdeka (GAM) aimed at establishing economic structures, challenging corruption and strengthening communal life. Their leading members, who came from middle and upper classes, were well educated. They ran small shops and were mainly traders. Hierarchies and organizational structures were linear and democratic. The number of lightly armed members of the GAM was very small compared with its unarmed supporters. Hence internationally GAM was not considered as a terrorist organization. Yet the Indonesian government with its repressive tactics destroyed GAM. In late 1979, the leaders were killed, imprisoned or had gone into exile. From 1985 onwards militarily oriented forces of GAM in Libya trained recruits in the use of arms.

In 1989 the armed guerrilla struggle in Aceh began with 1000 to 2000 people. However, the guerillas were not able to grow in numbers. The new President Habibie withdrew the Indonesian forces in late 1998. The military arm of GAM was almost completely destroyed, but could recover rapidly through massive support by the population. In 1999 violent struggle started again. In the late 1990s in addition to military actions, while living in exile in Sweden, di Tiro, with the support of the Swedish governement started peace talks with Indonesia. So in the period between 2000 and 2004 up to 50,000 Indonesian soldiers were temporarily stationed in Aceh. In December 2002, the Cessation of Hostilities Agreement (COHA) was signed, which was sustained for just a few months. Between 2002 and 2004 GAM had lost half of its members through Indonesian offensives.

The destruction caused by the tsunami on 24 December 2004 changed the situation fundamentally. A few days after the disaster, GAM declared a unilateral ceasefire. Indonesia followed suit and opened the borders with Aceh, which had been closed since May 2003, to allow access for international media and humanitarian organizations. The tsunami did not only bring the natural disaster to the attention of the world media, but also the destruction caused by the conflict. Both parties accepted the invitation for peace talks offered shortly before the tsunami by the Swedish non-governmental organization, the Crisis Management Initiative (CMI). After five rounds of talks under the mediation of former Finnish president, Martti Ahtisaari, the Indonesian government and GAM signed a Memorandum of Understanding on the 15th August, 2005. The peace agreement was an expression at the local level of the beginning of Indonesia’s democratic development.

In the peace deal partial political autonomy was agreed upon. For Indonesia, the concession of local autonomy meant a change of its highly centralized administrative system. Thus the agreement enabled the establishment of local parties and canditature for political office in Aceh. At the end of 2006, Irwandi Yusuf won the elections in Aceh, whose political basis was comprised of former GAM supporters. As a consequence of the Memorandum, the Aceh Monitoring Mission, led by the EU, supervised the successful disarmament of GAM.

In February 2007, the political assembly in Aceh decided to establish a truth commission to investigate human rights violations by both GAM and the Indonesian military. In its work not only compensation for affected families became important, but also mutual recognition and the rebuilding of the social fabric of communities affected by the war years was given attention. Several workshops on the workings of the International Criminal Court and on the general understanding of human rights were held in the capital of Aceh with the support of Canada and Norway as part of the Indonesian Plan of Action for Human Rights.

With the establishment of the political party, Partai Aceh, in 2008, the transformation of GAM into a political player was completed. In the 2009 elections, the Partai Aceh won 33 of 69 seats in the regional parliament. References see German version.

Saskia Thorbecke


L’Indonésie
Le processus de paix dans la province d’Aceh

La province indonésienne d’Aceh se trouve au nord-ouest de l’île de Sumatra et possède de grandes richesses de pétrole et de gaz. Sous l’influence coloniale des Anglais et des Hollandais le Sultanat d’Aceh garde longtemps son autonomie. En 1874, des troupes hollandaises occupent la résidence du Sultan et commencent à changer la structure politique de la province. La rébellion contre le régime colonial continue pendant les décennies suivantes et la région ne trouve pas de paix. Durant la Seconde Guerre mondiale, l’armée japonaise occupe de 1942 à 1945 l’île de Sumatra. Avec l’indépendance de l’Indonésie en 1949, l’Aceh espère son indépendance régionale; cependant, des troupes indonésiennes occupent maintenant la province. Aceh devient part de la province du Sumatra du nord. En 1953, des révoltes surviennent et Aceh se joint à la rébellion Darul-Islam qui s’étend surtout au Java de l’ouest et à la Sulawési du sud.

Le but de la rébellion est une autonomie, pas la séparation. Avec la fin de la rébellion Darul en 1962, l’Aceh reçoit la promesse d’une plus vaste autonomie administrative. Celle-ci cependant n’est pas réalisée et le régime indonésien du Nouvel Ordre sous le président Suharto de 1966 continue la centralisation et l’exploitation économique de l’Aceh. Le 4 décembre 1976, Hasan di Tiro, un activiste Darul Islam de premier plan, déclare l’indépendance d’Aceh de l’Indonésie et crée ainsi le conflit avec l’Indonésie qui dure jusqu’en 2005.

L’aspiration à l’autonomie n’est guère fondée dans une idéologie. Le mouvement libérateur Gerakan Aceh Merdeka (GAM) veut établir des structures économiques, éradiquer la corruption et fortifier la vie communale. Ses membres importants sont très cultivés, appartiennent à la couche sociale moyenne et supérieure et sont surtout des commerciaux. Les hiérarchies et structures d’organisation sont horizontales et orientées vers la démocratie. La plupart des acteurs n’est pas armée, ceux qui le sont, peu nombreux; c’est pourquoi, sur le plan international, le GAM n’est point considéré comme organisation terroriste. La répression du gouvernement indonésien détruit le GAM. A la fin de 1979, leurs activistes les plus importants sont ou bien assassinés, emprisonnés ou exilés. Dès 1985, des forces militaires du GAM apprennent à leurs membres comment se servir d’armes.

En 1989, mille à deux mille guérilléros commencent la guerre en Aceh. Mais les groupes armés ne peuvent guère augmenter leur nombre. A la fin de 1998, le nouveau président Habibu retire les troupes indonésiennes. Le bras militaire du GAM est détruit presque complètement, revit cependant en peu de temps, grâce au soutien massif de la population. En 1999, le combat armé reprend de sorte que pendant la période de 2000 à 2004 jusqu’à 50 000 soldats indonésiens sont stationnés en Aceh. En même temps que les actions militaires se déroulent, di Tiro qui vit exilé en Suède commence, avec le soutien du gouvernement suédois, vers la fin des années 1990 des négociations de paix avec l’Indonésie. En décembre 2002, le traité COHA (consentement à la Cessation des Hostilités) est signé, mais il est de courte durée. Entre 2002 et 2004, le GAM perd, par des offensives indonésiennes, la moitié de ses adhérents.

La destruction causée par le tsunami le 24 décembre 2004 change complètement la situation. Peu de jours après la catastrophe, le GAM déclare un armistice unilatéral. L’Indonésie s’y joint et ouvre les frontières d’Aceh, fermées depuis mai 2003, pour donner accès aux média et aux organisations internationales de secours. Le tsunami place non seulement la catastrophe naturelle mais aussi bien les destructions par le conflit politique au milieu de l’attention internationale. Les deux partis acceptent l’invitation de l’organisation non gouvernementale CMI (initiative de vaincre la crise), prononcée peu de temps avant le tsunami, pour faire la paix. Après cinq tables rondes, grâce à la médiation de l’ancien président finnois Martti Ahtisaari, le gouvernement indonésien et le GAM signent, le 15 août 2005, un mémorandum de compréhension mutuelle. Cet accord de paix est l’expression d’un début démocratique sur le plan communal de l’Indonésie.

Dans cet accord de paix, une autonomie politique partielle est ancrée. Pour l’Indonésie, la concession d’une autonomie locale signifie un changement du système d’administration fortement centralisé. Ainsi, l’accord de paix permet p.ex. la fondation de partis locaux et la candidature pour des fonctions politiques en Aceh. A la fin de 2006, Irwandi Yusuf est vainqueur aux élections en Aceh; sa base politique repose sur le soutien d’anciens activistes du GAM. La «Mission Monitoring Aceh», accompagnée par l’union Européenne dans le cadre du «Mémorandum de Compréhension Mutuelle», a surveillé le désarmement complet du GAM.

En février 2007, les représentants politiques d’Aceh décident d’établir une commission pour dévoiler les violations des droits de l’homme par le GAM et l’armée indonésienne. Ce faisant, on ne cherche pas seulement des compensations pour les familles victimes de ces violations, mais on place au premier plan le respect mutuel des anciens adversaires, on prend conscience de ce qui s’est passé pendant la guerre. Avec le soutien du Canada et de la Norvège, on organise à la capitale d’Aceh, dans le cadre de tentatives indonésiennes en faveur des droits de l’homme, plusieurs rencontres pour expliquer comment procède la Cour Internationale de Justice et pour faire comprendre la nécessité des droits de l’homme.

En 2008, la transformation du GAM aboutit à la fondation du parti politique Partai Aceh. Aux élections de 2009, ce parti obtient au parlement régional 33 sièges sur 69.

Littérature supplémentaire voir version allemande.

Saskia Thorbecke

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Über Frieder Schöbel

Geb. 1936 in Herrnhut/OL. Seit 1938 in Braunschweig (außer 1943-1950). Abitur 1956, Studium Englisch und Latein in Göttingen, Westberlin, Tübingen und Göttingen bis 1963, Ostermarsch-Sekretär. Ab 1964 Braunschweig Ausbildung Höheres Lehramt. Mitbegründer a.i. Braunschweig, der 1. IGS in der Stadt, des Friedenszentrums e.V. und des forums crisis prevention e.v. Lebt seit 2015 in Berlin.